Wie können KMU Krisen für eine Neuaufstellung nutzen?

Maria Kourti im Interview über Reflexion, Innovation und die Bedeutung von Experten

Das Interview führte Marius Biedermann von der Sophis GmbH aus Stuttgart im Juli 2020

Die Corona- Krise trifft im Moment vor allem KMU sehr hart. Wie können diese die Krise nicht nur überleben, sondern sie für positive Veränderung nutzen?

Wir arbeiten schon seit vielen Jahren mit KMU zusammen und haben dabei immer wieder beobachtet, dass die Unternehmen zwar großes Interesse an der Überprüfung der eigenen Prozesse haben, aber letztendlich zu wenig Zeit dafür investieren können. Das Tagesgeschäft und die Auftragslage stehen immer im Vordergrund – und das ist auch völlig verständlich. Jetzt hat sich die Situation verändert und dies ist natürlich eine enorme Chance, um sich neu aufzustellen, um wirklich auf die Metaebene zu gehen und sich seine internen Strukturen anzuschauen, sich mit der eigenen Unternehmens- und Innovationskultur stärker auseinanderzusetzen, auch die längerfristigen Ziele unter die Lupe zu legen und die Weiterentwicklung strategisch zu gestalten. Ich erlebe auch, dass Unternehmen, die wir bisher nicht kannten, gerade jetzt verstärkt auf uns zukommen und z.B. nach Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten im Innovationsprozess fragen.

Was bedeutet, das Geschäft „strategisch“ zu gestalten und was ist dabei der Mehrwert für KMU?

Zunächst einmal müssen Unternehmen wissen, wo sie stehen. Geht es ihnen darum, ein neues Produkt, an dem lange gearbeitet wurde, auf den Markt zu bringen? Oder darum, ihre Organisation oder ihr Geschäft zu skalieren? Möchten sie international tätig werden oder generell innovativer werden? Das Thema muss dann strategisch angepackt werden und bewussten Entscheidungen folgen, die nach dem Abwägen von internen und externen Faktoren fallen. Zum Beispiel bei der Internationalisierung merke ich, dass Unternehmen zu stark reaktiv agieren indem sie einzelnen Aufträgen aus dem Ausland eingehen, dass aber die Strategien dahinter fehlen. Dadurch bleibt es in vielen Fällen zu vereinzelten internationalen Aktivitäten aber nicht zur erwünschten Eroberung eines neuen Marktes.

Wie sieht denn eine sinnvolle strategische Neuaufstellung konkret aus?

Unternehmen müssen sich fragen: Was will ich eigentlich erreichen und welche Kernkompetenzen, Kontakte und Netzwerke brauche ich dafür? Ist mein Unternehmen gut genug aufgestellt, damit ich das erreichen kann? Bin ich so aufgestellt, dass ich innovativ sein kann? Mit welchen Partnern muss ich mich zusammenschließen? Für eine strategische Neuaufstellung braucht es zuerst den Blick nach innen: Man muss seine Wertschöpfung genau anschauen und sich darüber im Klaren werden, welche Kompetenzen, Assets und Ressourcen man selbst mitbringt und wo Wissensdefizite liegen. Dann muss man die eigenen Ziele und Kompetenzen mit dem Umfeld abgleichen. Dazu braucht man das Wissen über Technologie- und Markttrends. Auf welche Trends muss ich reagieren? Welche Trends erwarten mich in der Zukunft? Die Umfeld- und Trendanalyse gibt einen gewissen Druck oder Anreiz, Geschäftsmodelle zu überdenken und innovativer zu werden. Die strategische Aufstellung ist das Ergebnis dieses Abgleichs der Innen- und Außenanalyse. Wenn das Unternehmen alle Faktoren gegeneinander abgeglichen hat, muss es Entscheidungen für seine Strategien zu Wachstum, innovativen Produkte, Internationalisierung, Skalierung treffen. Dafür benötigen Unternehmen viel Wissen und Ressourcen, die oft intern nicht vorhanden sind. Dies kann man aber durch strategische Partnerschaften lösen.

Was macht ein Unternehmen denn krisensicher und zukunftsfähig?

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Unternehmen, die ihre Strategien durchdacht haben, generell für die Zukunft und auch für Krisen besser gerüstet sind. Die Berater der Steinbeis 2i GmbH und des Steinbeis-Europa-Zentrums bieten dazu verschiedene Basis- und Aufbaumodule an, helfen Zukunftsstrategien zu entwickeln und umzusetzen und Innovationen und Wachstumsfelder zu erkennen, um dann Investitionsmittel optimal einzusetzen.

Welche Rolle spielen denn Experten in diesem Prozess?

Erstens bringen Experten neben dem Blick von außen auch eine gewisse Unvoreingenommenheit, wenn es um die eigenen Prozesse geht. Zweitens zeigt der beschriebene Prozess der eigenen Selbstaufstellung, wie wichtig Netzwerke und strategische Partnerschaften sind. Um Netzwerke aufzubauen, macht es für Unternehmen, insbesondere KMU, sehr viel Sinn, mit Organisationen zusammenzuarbeiten, die selbst bereits Zugang zu einer Vielzahl von Netzwerken haben. Wir bieten hier unter anderem Zugang zum Enterprise Europe Netzwerk mit über 600 Partnerorganisationen in 60 Ländern an. Das Netz ist weltweit das größte Netzwerk für Technologietransfer. Hier lassen sich Partner für Forschung, Entwicklung, Innovation, Vertrieb und vieles mehr finden. Und wir begleiten diesen Partnering-Prozess. Drittens verfügen Experten über ein großes Spektrum an Wissen bezüglich Trends, Technologien und deren Anwendungen, und dies in verschiedenen Sektoren, Branchen und Märkten. Dies kann man sich als mittelständisches Unternehmen oder Start-up nur mühsam allein erarbeiten. Unsere Experten am Steinbeis-Europa-Zentrum verfügen über eine 30-jährige Erfahrung im Bereich Innovationsmanagement und Internationalisierung. Wir sind selbst aktuell Partner in 72 EU-Innovationsprojekten. Unsere Rolle in den Projekten reicht von der Verwertung der Forschung, der Sicherung der geistigen Eigentumsrechte, Projektmanagement, Kommunikation bis zur Entwicklung geeigneter Geschäftsmodelle und Markteinführung. So können wir Innovationsprozesse eng verfolgen. Darüber hinaus haben wir einen sehr guten Einblick über Technologietrends, die in naher oder ferner Zukunft aktuell sein werden.

Man hört oft, dass Förderprogramme ein wichtiger Bestandteil jeder Krisenbewältigungsstrategie sind. Denkst du, dass KMU Förderprogramme ausreichend kennen und nutzen? 

Ich denke, dass sie die Förderprogramme auf EU-Ebene nicht ausreichend kennen und nutzen. Da ist immer noch sehr viel Spielraum nach oben. Im Gegensatz zu nationalen Förderprogrammen sind die europäischen sehr kompetitiv und das schreckt einige KMU ab. Nichtsdestotrotz rate ich dazu, diesen Schritt zu wagen und sich an Projektanträgen zu beteiligen, denn es bringt viele Vorteile. Wir begleiten die Projektkonzeption und Antragsstellung und setzen uns sehr intensiv mit dem Unternehmen auseinander. Selbst wenn der Antrag nicht im ersten Anlauf erfolgreich ist; die meisten Unternehmen geben uns die Rückmeldung, dass der Lerneffekt und die Kontaktanbahnungen allein sehr wertvoll sind. Und wenn der Antrag genehmigt wird, bleiben die KMU oft dabei, stellen erfolgreich weitere Anträge und ihre Netzwerke erweitern sich dabei immer mehr. Um Unternehmen, Start-ups und Forschungseinrichtungen insbesondere in Baden-Württemberg beim Zugang zu EU-Fördergeldern zu unterstützen, haben wir gemeinsam mit dem Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg das Portal www.innocheck-bw.de eingerichtet. Hier können Unternehmen, Start-ups/Scale-ups und Forscher ihre innovativen Vorhaben per Fragebogen einem Check unterziehen. Sie erhalten dann eine auf sie zugeschnittene Empfehlung und Hinweise zu passenden nationalen und europäischen Förderinstrumenten sowie relevante Links und Kontaktdaten für ein Gespräch mit den Steinbeis-Experten.

Wenn wir noch einmal den Bogen zurück zur Krise spannen: Wie wichtig sind Fördermittel, wenn man Veränderungen, positiven Wandel anstoßen möchte?

Förderung ist immer eine große Chance, die einem Unternehmen einen großen Vorsprung am Markt und einen Vorsprung an Zeit verschafft. So etwas würde man nicht so schnell über eigene Mittel stemmen können. Bei Kooperationsprojekten kommen Vorteile auch über zusätzliche strategische Partnerschaften hinzu. Dadurch gewinnt man den Zugang zu neuen Märkten, geografischen und sektoralen. Das ist grundsätzlich eine große Chance, vor allem jetzt zu Krisenzeiten.

Welchen Tipp würdest du KMU jetzt mit auf den Weg geben?

Egal wo man steht, egal wie es wirtschaftlich aussieht; diese Zeit sollte man unbedingt zur Reflexion nutzen. Das ist aufwändig und anstrengend, aber ich sehe es wirklich als Investition. Es gibt genügend Möglichkeiten dazu.

Portrait Maria Kourti
Maria Kourti
0711 123 4037

Maria Kourti ist Senior Projektmanagerin im Bereich Umwelttechnologien und Innovationsmanagement bei der Steinbeis 2i GmbH in Stuttgart. Sie konzipiert, koordiniert und implementiert europäische Innovationsprojekte mit Schwerpunkt u.a. Ressourceneffizienz, Umwelt- und Energietechnologie, Ecodesign, Kreislaufwirtschaft und Open Innovation. Sie unterstützt internationale Konsortien darin, ihre Projektergebnisse zu identifizieren und zu verwerten. Darüber hinaus berät sie Unternehmen, insbesondere KMU, einschließlich Start-ups und Scale-ups mit verschiedenen, individualisierten Beratungsformaten. Die Unterstützungsmaßnahmen beinhalten Technologietransfer, Innovationsmanagement, Business Development, Open Innovation, strategische Partnerschaften, Förder- und Finanzierungsberatung. Durch die Herstellung von Kooperationen zwischen Industrie und Forschung mit regionalen und internationalen Partnern, ist sie sowohl in Baden-Württemberg als auch in Europa stark vernetzt.

Das Interview erschien unter

https://sophis-innovation.de/maria-kourti