Über die Zukunft der Wasserstoffmobilität

Wasserstoff soll eine wichtige Rolle in einem integrierten Energiesystem spielen und kann die Dekarbonisierung von Industrie, Verkehr, Stromerzeugung und Gebäuden in ganz Europa unterstützen. Die im Juli 2020 veröffentlichte Wasserstoffstrategie der EU befasst sich mit dem Potenzial, das durch Investitionen, Regulierung, Schaffung von Märkten sowie Forschung und Innovation ausgeschöpft werden kann.

Das Steinbeis-Europa-Zentrum und die Steinbeis 2i GmbH wirken seit 2001 an Forschungsprojekten im Bereich Wasserstoff mit. Dr. Marie-Eve Reinert, Senior Project Managerin bei der Steinbeis 2i GmbH, erklärt im Interview mit Anette Mack, was die aktuellen Entwicklungen sind.

In dem EU-Projekt COSMHYC haben die Partner im Oktober 2020 mit Langzeittests zur Wasserstoffkompression begonnen. Was ist Stand der Dinge in dem vierjährigen Projekt, das seit Januar 2017 läuft und sich mit innovativen Kompressionslösungen befasst?

COSMHYC entwickelt eine innovative Kompressionslösung, die auf der Kombination zweier Kompressionstechnologien beruht: der mechanischen Kompression und der Metallhydrid-Kompression. Im ausgeklügelten Zusammenspiel beider Technologien liegt der große Vorteil dieser Kompressionslösung. Dadurch wird Energie gespart, die Kosten für die Instandhaltung werden gesenkt und die Geräuschlevel reduziert.

Welche Schritte müssen wir noch gehen, damit wir Wasserstoff in großem Maßstab verwerten können?

Aktuell ist eines der großen Themen die Hochskalierung der Produktion von Wasserstoff in den Giga-Watt Bereich. Auch die Kompression von Wasserstoff ist ein zentraler Prozess für die Verwertung von Wasserstoff in großem Maßstab, denn Wasserstoff hat eine sehr geringe Dichte. Dort bieten wir mit dem Projekt COSMHYC eine Lösung an: Die Wasserstoffkompression muss effizienter werden, um die erforderlichen Mengen bereitzustellen und um den Preis pro Kilogramm komprimierten Wasserstoffs für die Endverbraucher attraktiv zu machen.

Damit sich Wasserstoff als Energieträger im großen Maßstab durchsetzt, gibt es aber auch noch einen nicht-technischen Faktor, die gesellschaftliche Akzeptanz. Viele Menschen haben bei Wasserstoff noch Sicherheitsbedenken. Die heutige Wasserstofftechnologie ist aber sehr sicher und das zu vermitteln und Vertrauen zu schaffen ist zentral, damit sich die Technologie auf dem Markt durchsetzen kann.

Welche Rolle spielt der Wasserstoff in der Energiewende?

Wasserstoff ist enorm wichtig für die Energiewende als emissionsfreier Energieträger. Entscheidend ist natürlich, dass sogenannter Grüner Wasserstoff verwendet wird. Bei diesem werden für die Gewinnung des Gases nur emissionsfreie, erneuerbare Energien genutzt, zum Beispiel Windkraft oder Solarenergie. Für diese Energiegewinnungsformen mit fluktuierender Leistung kann Wasserstoff auch als Speicher und Puffer eingesetzt werden.

Ein riesiger Vorteil von Wasserstoff als Energieträger ist auch, dass er so vielseitig eingesetzt werden kann. Es gibt viele Projekte zur Wasserstoffmobilität, bei der Autos, Busse, LKWs, Züge oder auch Schiffe auf Wasserstoffantriebe umgestellt werden. Ebenso kann man das Gas auch für industrielle Zwecke nutzen.

Wie siehst Du die Zukunft für die Wasserstoffmobilität? Tanken wir bald mit Wasserstoff?

Daran arbeiten wir! Es wird natürlich nicht im nächsten Jahr passieren, dass wir flächendeckend mit Wasserstoff fahren, aber wir machen große Schritte hin zur „Wasserstoffzukunft“. Im Juli 2020 hat die EU ihre Wasserstoffstrategie für ein klimaneutrales Europa veröffentlicht. Auch einzelne Mitgliedstaaten haben vergangenes Jahr ambitionierte nationale Wasserstoffstrategien vorgestellt, darunter Frankreich und Deutschland. Klimaschutz und Wasserstoff stehen nun also weit oben auf der politischen Agenda.

Welche neuen Herausforderungen kommen im Jahr 2021 in Deinen Projekten auf Dich zu?

Eigentlich gibt es bereits viele funktionierende Technologien, um Wasserstoff zu gewinnen, zu verteilen und zu nutzen. Diese müssen nun aber aus der Forschung oder kleinen Demonstrationsprojekten den Schritt zur industriellen Reife schaffen, so dass sie in großem Maßstab eingesetzt werden können.

Die Wasserstoffwirtschaft sollte nun angestoßen und in der Realität erprobt werden. Das heißt wir brauchen Wasserstoffmodellregionen, in denen die technische und wirtschaftliche Umsetzung über verschiedene Sektoren hinweg demonstriert werden kann. Das ist auch wichtig, um die gesellschaftliche Akzeptanz zu stärken, die wie gesagt, ebenfalls zentral für die erfolgreiche Etablierung von Wasserstoff ist.

Für mich heißt das, dass ich im Jahr 2021 an großen Projekten dieser Art arbeiten möchte, um die Wasserstofftechnologie in unserer Industrie, Wirtschaft und Gesellschaft zu verankern.

Portrait Marie-Eve Reinert
Dr. Marie-Eve Reinert
0721 935191 30

Dr. Marie-Eve Reinert ist Senior Projektmanagerin und Gruppenleiterin im Bereich Mobilität, Wasserstofftechnologien und Brennstoffzelle an der Steinbeis 2i GmbH in Karlsruhe. Sie konzipiert und koordiniert europäische Innovationsprojekte und unterstützt somit internationale Konsortien aus Unternehmen und Forschungseinrichtungen ihre Projektergebnisse zur Marktreife zu bringen. Aktuell leitet Marie-Eve mehrere Projekte und Dienstleistungen im Bereich Wasserstoff.