Das Potenzial von „Second-chance Entrepreneurship“

Eine „Kultur des Scheitern Dürfens“ – das fehlt uns in Deutschland. Insolvenz und Scheitern werden zu wenig als Chance betrachtet. Hier bietet die Steinbeis 2i aktuell Hilfestellung für den Re-Start.

Interview mit Samantha Michaux, Senior Project Manager für den Bereich Unternehmensentwicklung und Beteiligungsinvestitionen

Das Interview führte Anette Mack, Steinbeis 2i GmbH.

An gestrauchelten Unternehmern bleibt das Stigma des Scheiterns oft auch bei einer zweiten Gründung hängen. Im Silicon Valley hingegen scheint das Scheitern erster Projekte zum Erfolgsrezept zu gehören. Wie stehen die Chancen in Deutschland, um eine Kultur der zweiten Chance zu etablieren?

Ein Re-Start nach dem Scheitern ist in Deutschland mit einigen Hürden und Schwierigkeiten verbunden, vor allem wenn eine Insolvenz und ein Schufa-Eintrag vorliegen. Viele Re-Starter versuchen daher, ihre Vorgeschichte zu vertuschen, was auch in der gesellschaftlichen Stigmatisierung von Scheitern begründet ist. Es gilt daher, vor allem auf der gesellschaftlichen Ebene einen offeneren Umgang mit dem Scheitern zu etablieren und anhand von Modellen und Vorbildern zu zeigen, dass Scheitern nicht das Ende der Gründerkarriere darstellen muss. Ein Kulturwandel in Deutschland ist nötig, findet aber nur langsam statt.

Du sprichst vom geschützten Raum. Ist dies ein neues Konzept, das Steinbeis 2i für Unternehmer in der Krise anbietet? Worum geht es genau?

Das Konzept hat Steinbeis 2i zusammen mit dem Sozialunternehmen TEAM U Restart gGmbH entwickelt, die erste gemeinnützige Organisation in Deutschland, die sich speziell um selbständige Unternehmerinnen und Unternehmer in Krisen kümmert. Es handelt sich um ein Seminar im geschützten Raum für Menschen in oder nach einer unternehmerischen Krise. Und sie dürfen anonym bleiben. Sie werden von krisenerfahrenen Trainern dabei unterstützt, mit einer unternehmerischen Krisen- oder Insolvenzerfahrung proaktiv umzugehen, um einen erfolgreichen Re-Start zu ermöglichen. Darüber hinaus bieten wir Gründern, Nachfolgern und anderen Teilnehmenden ein Sensibilisierungstraining an, um Kompetenzen zur frühzeitigen Krisenbewältigung zu stärken. Diese sogenannten „Re-Starter Workshops“ werden vom Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg als Pilotprojekt im Rahmen der Landeskampagne Start-up BW gefördert, in Zusammenarbeit mit den regionalen Industrie- und Handelskammern.

Mit welchen Herausforderungen haben Re-Starter zu kämpfen?

Zum einen muss der Ausstieg aus dem ersten Unternehmen möglichst "sauber" von statten gehen, um eine zweite Chance zu haben: rechtzeitig, unter Beachtung aller gesetzlichen Vorschriften und mit offenen Karten gegenüber der Bank und allen anderen Gläubigern. Gerade weil es für Re-Starter schwierig ist, ihr neues Vorhaben zu finanzieren, ist es umso wichtiger, Kreditgeber und Lieferanten davon zu überzeugen, dass sie aus ihren Fehlern gelernt haben.  Die größte Hürde für einen erfolgreichen Re-start stellt oft der fehlende Zugang zu dem erforderlichen Startkapital dar. Aufgrund der vorherigen Pleiten und der persönlichen Haftung – insbesondere bei Bankkrediten – sind private Rücklagen aufgebraucht, Sicherheiten verwertet und vorhandenes Vermögen zur Schuldenregulierung eingebracht. Solange noch Verbindlichkeiten bestehen bzw. die Restschuldbefreiung noch nicht erteilt wurde, müssen Sie daher davon ausgehen, dass Sie bei Banken als "nicht kreditfähig" gelten. Daher sind andere Finanzierungswege zu erforschen wie nicht rückzahlbaren Zuschüsse, Beteiligungen oder Bürgschaften.

Zum Zweiten ist die sorgfältige Analyse der Gründe des Scheiterns eine absolute Voraussetzung für einen erfolgreichen zweiten Versuch. Es geht um Selbstkritik, wo liegen meine persönlichen und beruflichen Schwachstellen, um diese bei der zweiten Gründung auszugleichen und zukünftige Herausforderungen meistern zu können. Wichtig ist auch unternehmerisches Denken! Wem unternehmerische Fähigkeiten fehlen, der wird auch bei einem zweiten Projekt scheitern. Unternehmerisches Denken allerdings kann geschärft werden, am besten bereits in der Schule, Ausbildung und während des Studiums.

Das Angebot ist Teil eines europäischen Projekts, namens DanubeChance2.0. Welche Ziele verfolgt die Europäische Kommission?

Während über die Gründungsfreundlichkeit von Regionen und Ländern verschiedene Studien und Indexe Auskunft geben, mangelt es bislang an Analysen, die die Bedingungen für Re-Starter und UnternehmerInnen in der Krise in den Fokus rücken. Vor diesem Hintergrund verfolgt die Europäische Kommission mit dem geförderten Projekt DanubeChance2.0 das Ziel, bislang ungenutzte Potenziale von Re-Startern für die Donauregion freizusetzen. Das Konsortium besteht aus 11 Partnern aus dem Donauraum (Bosnien, Deutschland, Österreich, Kroatien, Serbien, Moldawien, Slowakei, Slowenien, Ungarn und Rumänien). Die Partner haben einen breitangelegten Dialog mit Akteuren aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik sowie mit betroffenen Unternehmern und Unternehmerinnen initiiert und die rechtlichen, sozioökonomischen und kulturellen Rahmenbedingungen von Unternehmensneugründungen untersucht. Ziel der Initiative ist es, die Bedingungen für Re-Starter nachhaltig zu verbessern.

Gibt es Unterschiede in den Regionen Europas?

Während in allen Donauländern ein funktionierendes Insolvenzsystem existiert, differieren diese hinsichtlich der Effizienz jedoch gravierend. Ein Insolvenzprozess dauert bspw. in Slowenien im Durchschnitt nur etwas weniger als ein Jahr, während dieser Prozess in der Slowakei mehr als vier Jahre in Anspruch nimmt. Ein heikles Thema ist dabei vor allem die Stigmatisierung gescheiterter UnternehmerInnen, da quasi in der ganzen Donauregion Scheitern als persönliches Totalversagen, das kompetenten UnternehmerInnen nicht passiert, gilt. In keinem der Länder werden Re-Starter durch öffentliche Programme oder politische Zielsetzungen explizit adressiert. Öffentliche Unterstützung beschränkt sich zumeist auf Revitalisierungsmaßnahmen in der Krise. Hinzu kommt: Negative Einträge in Wirtschaftsauskunfteien bleiben noch viele Jahre nach der Insolvenz und/ oder Entschuldung (DE 6-10 Jahre, Österr. 7 Jahre) erhalten und machen eine Bankenfinanzierung fast unmöglich. So bleiben für die Finanzierung eines Re-Starts meist nur private Geldgeber („Family, Friends and Fools“). Das Potenzial von Re-Startern erstickt somit leider oft im Keim. Es gilt daher, dieses Potenzial in der Donauregion durch eine Kombination von strukturellen und Kompetenz-bildenden Maßnahmen zur Entfaltung zu bringen.

Welche Tools oder Programme stehen denn jetzt Re-Starter oder Unternehmen in der Krise zur Verfügung?

Im Rahmen von DanubeChance2.0 wurde die „Trial-and-Error“ Re-Design Transnational Academy ins Leben gerufen, die Unternehmern und Unternehmerinnen beim Entwurf von Strategien für den Re-Start konkrete Unterstützung anbietet. Die Themen der Akademie reichen von (Re-)-Finanzierung und Verhandlungen mit Investoren bis zu Fragen der Unternehmensführung und des Team-Aufbaus. Das in Online-Kursen und von Expertenworkshops angebotene Toolset ist individuell anpassbar und stellt damit ein einzigartiges Angebot für Re-Starter dar. Implementiert und weiterentwickelt werden soll die Academy durch ein Netzwerk von etablierten Experten im Donauraum.

Am 30. September und 1. Oktober findet ein Seminar zum Thema „Communication und Negociation skills“ in Karlsruhe statt. Ein weiteres Webseminar zum Thema „Möglichkeiten der Unternehmensfinanzierung“ findet ebenso im September statt, das über Finanzierungsmöglichkeiten, Kreditentscheidungsprozesse bei Banken, Businessplanung für (Re-)Starter informiert und einen Überblick über den Markt für Unternehmensfinanzierungen in Deutschland anbietet. Zusätzlich lancieren wir im Oktober 2020 ein Inkubationsprogramm für Re-Starter als Pilotprojekt, indem Re-Starter bei ihrem neuen Start und ihrer Geschäftsentwicklung von unseren Experten gecoacht werden.

Portrait Samantha Michaux
Samantha Michaux
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Samantha Michaux ist Senior Project Manager für den Bereich Unternehmensentwicklung und Beteiligungsinvestitionen und Botschafterin für Start up for Europe. Sie leitet bei der Steinbeis 2i GmbH die Projekte DanubeChance2.0 und Deeptech4Good.

Darüber hinaus ist sie in der Beratung zur Innovationsfinanzierung, Innovationsmanagement und zu EU-Innovations- und Forschungsprogrammen tätig.