Fokusthema Dezember 2025Carbon Management – weil Vermeidung von CO2 allein nicht ausreicht – Steinbeis Europa Zentrum begleitet zwei EU-Projekte bei der Umsetzung
CCUS-Technologien ermöglichen die Abscheidung, Nutzung und Speicherung von CO₂ entlang industrieller Wertschöpfungsketten
Um Klimaneutralität zu erreichen erfordert es mehr als die Vermeidung von Emissionen. Selbst bei maximaler Effizienzsteigerung und vollständiger Umstellung auf erneuerbare Energien bleiben in vielen Industrie- und Energiesektoren unvermeidbare CO₂-Emissionen bestehen, wie zum Beispiel in der Zement-, Stahl- oder Chemieproduktion. (1)
Hier setzen Carbon Capture and Storage (CCS) und Carbon Capture and Utilisation (CCU) an: Technologien, die CO₂ gezielt abscheiden, speichern oder einer weiteren Nutzung zuführen.
Carbon Management, CCU und CCS – Was steckt dahinter?
Bei der CO₂ Abscheidung und -Speicherung wird das abgeschiedene CO₂ dauerhaft in geologischen Formationen gespeichert. Bei der Abscheidung, dem Transport und der anschließenden Nutzung wird das CO₂ dagegen als Rohstoff für chemische Produkte, Kunststoffe oder synthetische Kraftstoffe genutzt. Beide Ansätze sind zentrale Bausteine eines umfassenden Carbon Managements, das den Kohlenstoffkreislauf aktiv steuert und damit einen wesentlichen Beitrag zur Erreichung von Netto-Null-Emissionen leistet.
Der Begriff Carbon Management beschreibt den gezielten und verantwortungsvollen Umgang mit nicht vermeidbaren CO₂-Emissionen. Es ergänzt klassische Klimastrategien, die auf Vermeidung und Reduktion setzen, um einen weiteren Ansatz: den aktiven Umgang mit verbleibendem Kohlenstoff. Dabei geht es nicht nur darum, CO₂ als Rohstoff nutzbar zu machen, sondern auch darum, geeignete Wege für die langfristige Speicherung zu finden.
In der europäischen Klimapolitik nimmt Carbon Management zunehmend eine strategische Rolle ein. Die Europäische Kommission sieht in CCS und CCU Schlüsseltechnologien, um bis 2050 eine klimaneutrale Industrie zu erreichen. (2)
Carbon Management – Überblick über die Technologien. 1=Abscheidung aus der Atmosphäre (DAC) ist ebenfalls möglich, soll aber hier nicht behandelt werden, Abbildung betrachtet nicht alle Bestandteile von Carbon Management Technologien
Carbon Capture (die Abscheidung von CO₂ ) ist der zentrale Ausgangspunkt aller CCUS-Prozesse. Je nach Quelle kommen unterschiedliche Verfahren zum Einsatz. Die jeweiligen Technologien sind technisch erprobt, unterscheiden sich jedoch deutlich in Energiebedarf, Wirkungsgrad und Eignung für verschiedene Industrien. Der Ausbau kosteneffizienter Abscheidungsverfahren ist für die Skalierung von CCUS von großer Bedeutung.
Carbon Capture and Utilisation (CCU) verfolgt das Ziel, abgeschiedenes CO₂ als Rohstoff weiterzuverwenden. Dabei kann CO₂ chemisch, biologisch oder mineralisch gebunden werden. Typische Anwendungsfelder sind z.B. chemische Synthesen (Herstellung von Methanol, Polycarbonaten oder anderen Grundchemikalien) oder Kraftstoffe (Nutzung von CO₂ in Kombination mit grünem Wasserstoff zur Herstellung synthetischer Kraftstoffe).
Der Vorteil liegt darin, dass CO₂ in neue Wertschöpfungsketten integriert wird. Allerdings ist die Klimawirkung stark abhängig vom Energieeinsatz und der Lebensdauer des erzeugten Produkts. Nur wenn erneuerbare Energiequellen genutzt werden, ist eine Reduktion der Emissionen erreichbar. Wenn Produkte verbrannt werden, wie z.B. Kraftstoffe, kann das eingesetzte CO₂ wieder freigesetzt werden. Hier ist allerdings entscheidend, dass für die Produktion der Kraftstoffe kein „neues“ CO₂ aus z.B. Erdöl gewonnen werden musste.
Bei Carbon Capture and Storage (CCS) wird abgeschiedenes CO₂ dauerhaft in geologischen Formationen gespeichert. Typische Speicherstätten sind ausgeförderte Öl- und Gaslagerstätten oder tiefe salzhaltige Aquifere. Speicherstätten können sich sowohl an Land als auch unter dem Meeresboden befinden. Nach der Abscheidung wird das CO₂ verdichtet, über Pipelines oder Schiffe transportiert und in geeignete Gesteinsschichten verpresst. Hierbei kann in einigen Fällen bestehende Infrastruktur aus der Ölförderung genutzt werden. Umfassendes Monitoring stellt hierbei sicher, dass das Gas dauerhaft eingeschlossen bleibt und keine Leckagen auftreten. Auch beim Transport wird damit auf Sicherheit geachtet. Langzeiterfahrungen aus bekannten Projekten im Industriemaßstab (z.B. Norwegen (Sleipner), Niederlande (Porthos) zeigen, dass CCS technisch sicher realisierbar ist. Die Herausforderungen liegen vor allem in der Genehmigung, im Aufbau von Infrastruktur, in grenzübergreifenden Strategien und Richtlinien und in der gesellschaftlichen Akzeptanz.
CCUS zwischen öffentlicher Wahrnehmung und politischer Realität
Wie viele neue Technologien steht CCUS im Zentrum intensiver Diskussionen, oft begleitet von Vorurteilen und Missverständnissen. Manche Kritikpunkte erscheinen auf den ersten Blick berechtigt, halten einer genaueren Betrachtung jedoch nicht stand.
Ein häufiger Kritikpunkt betrifft die Sicherheitsbedenken bei der CO₂-Speicherung. Tatsächlich werden alle Speicherstätten streng überwacht, und in über zwei Jahrzehnten praktischer Anwendung sind keine relevanten Leckagen oder Unfälle dokumentiert worden. Ein weiterer, häufiger Vorwurf ist der des Greenwashings. Ohne Zweifel sollte es für die Industrie immer eine höhere Priorität haben, Emissionen zu vermeiden als sie zu verursachen. Jedoch gibt es Industriezweige, die sehr schwer – oder überhaupt nicht – zu dekarbonisieren sind. CCS ist demnach keine Ausrede zum „Weiter so!“, sondern ein Baustein zum Erreichen der globalen Klimaziele. Auch das sogenannte „Not in my backyard“-Phänomen zeigt, dass Akzeptanzprobleme häufig weniger mit den Technologien selbst, sondern mit fehlender Information und Vertrauen zusammenhängen. In Ländern, in denen transparent über Sicherheit, Nutzen und Grenzen kommuniziert wird, ist die Zustimmung deutlich höher.
Natürlich bleibt CCUS außerdem zunächst energie- und investitionsintensiv. Dennoch ist es eine unverzichtbare Übergangstechnologie, um die Lücke zwischen aktuellen Emissionen und den langfristigen Netto-Null-Zielen zu schließen.
Langfristig wird sich Klimaschutz nur dann stabil gestalten lassen, wenn Kohlenstoffflüsse ganzheitlich betrachtet werden. Carbon Management steht damit für einen Wandel von der linearen Nutzung hin zu einer zirkulären Kohlenstoffwirtschaft, in der CO₂ erfasst, verwertet und nur noch in Ausnahmefällen freigesetzt wird. Die Entwicklung solcher Systeme erfordert den parallelen Ausbau technischer Infrastruktur (CO₂-Transport, Speicherstätten), politischer Rahmenbedingungen und gesellschaftlicher Akzeptanz.
CCUS am Steinbeis Europa Zentrum
Das Steinbeis Europa Zentrum ist in den beiden EU-Projekten CAPTUS und COREu involviert. Als Projektpartner ist es verantwortlich für die Arbeitspakete „Communication, Dissemination & Exploitation“ und trägt dazu bei, eine positive Dynamik für CCS in der EU zu schaffen. Es sensibilisiert und mobilisiert die wichtigsten Interessengruppen und schafft einen innovativen Rahmen für ein gemeinsames Engagement, das zu einer beschleunigten Einführung sicherer, nachhaltiger und widerstandsfähiger CCS-Pfade in Europa führen soll Darüber hinaus ist das Steinbeis Europa Zentrum für die Netzwerkaktivitäten mit anderen EU-geförderten Projekten und Initiativen im gleichen Themenbereich verantwortlich.
EU-Projekt CAPTUS
Das EU-Projekt CAPTUS demonstriert, wie man CO₂ aus unterschiedlichen Prozessemissionen (Chemie-, Stahl-, Zementindustrie) nutzen kann, um Biokraftstoffe und kohlenstoffneutrale Energieträger herzustellen. Diese Produkte können zum Beispiel als Brennstoffe oder chemische Rohstoffe verwendet werden. Alle Verfahren werden unter realen Bedingungen (Technologiereifegrad 7) getestet, also fast auf Industriestandard. Außerdem untersucht CAPTUS, ob diese Technologien wirtschaftlich und umweltfreundlich sind.
In CAPTUS arbeiten 18 Partner aus 8 europäischen Ländern zusammen. Das Steinbeis Europa Zentrum koordiniert hier die Aktivitäten im Bereich Kommunikation und Stakeholder-Engagement. Gemeinsam mit anderen Partnern wurde in den vergangenen Monaten beispielsweise eine Umfrage zur Akzeptanz von Biokraftstoffen erstellt und verteilt. Die Ergebnisse werden in zwei Events vorgestellt und diskutiert.
Join our interactive CAPTUS Webinar on December 11 - CAPTUS
EU-Projekt COREu
Im EU-Projekt COREu wird ein gemeinsames, europäisches CCS-Netzwerk aufgebaut. Hierfür werden verschiedene CCS-Routen entwickelt (Demonstrations-Route in Griechenland, weitere Routen in Polen, Tschechien und der Ukraine). In diesen werden Industrieanlagen (Emittenten) mit geeigneten Speicherstätten über gemeinsam genutzte Transportwege (Pipeline, Bahn, Schiff) verbunden. Durch gemeinsam genutzte Infrastrukturen können Investitionen gebündelt werden. Im Projekt wird außerdem die gesamte CCS-Wertschöpfungskette von der Abscheidung bis zur Speicherung betrachtet. Innovationen des Projekts sind unter anderem Monitoring-Systeme für Transport und Speicherung (darunter eine Unterwasserdrohne, welche die Pipelines nach Leckagen absucht) oder korrosionsbeständige Transportzylinder. COREu wird auch Emittenten-Cluster initiieren, die die Nachfrage und die wirtschaftlichen Gründe für Investitionen in CCS fördern.
In COREu arbeiten 43 Partner aus 13 europäischen Ländern zusammen. Das Steinbeis Europa Zentrum koordiniert hier die Aktivitäten zur Kommunikation und der Verwertung der Ergebnisse. Mit gezielten Initiativen (z.B. eine Online-Lernplattform zu CCS, Veranstaltungen für BürgerInnen und Kinder, Webinar-Reihen) soll auch die Akzeptanz der Bevölkerung gesteigert werden.
Nehmen Sie teil am Lunch & Learn Advancing Bioenergy with Carbon Capture and Storage (BECCS): Research and Industrial Perspectives am 10.12. 2025
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Kohlenstoffabscheidung und -speicherung als Treiber für die Dekarbonisierung (COREu) - Steinbeis DE
Unser Dienstleistungsangebot
Haben Sie Ideen für Forschungs- oder Innovationsprojekte im Bereich Carbon Management? Möchten Sie von EU-Fördermitteln profitieren, wissen aber nicht genau, wie Sie den Antragsprozess angehen sollen? Suchen Sie nach Innovationspartnern für die gemeinsame Realisierung? Unser Expertenteam am Steinbeis Europa Zentrum steht Ihnen beratend zur Seite. Mit unserer Unterstützung und über 35 Jahren Erfahrung im Bereich EU-Förderung erhöhen Sie Ihre Erfolgschancen erheblich. Besuchen Sie unsere Website und erfahren Sie mehr über unser umfassendes Dienstleistungsangebot.
Fördergelder gibt es aktuell in diesen Topics der aktuellen Förderaufrufe:
- HORIZON-CL5-2026-03-D3-30: Pre-commercial appraisal for CO2 aquifer storage
- HORIZON-CL5-2027-03-D3-32: Support to the implementation of an EU policy framework for CO2 transport and storage infrastructures
- HORIZON-CL5-2027-07-D3-33: Delivery of industrial CCUS clusters - Societal readiness pilot
- HORIZON-CL5-2026-02-D3-24: New CO2 capture technologies
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(1) Diesing et al. (2025). From knowledge gaps to technological maturity: A comparative review of pathways to deep emission reduction for energy-intensive industries. Renewable and Sustainable Energy Reviews, Vol. 208. DOI:10.1016/j.rser.2024.115023
(2) European Commission (2024). Towards an Ambitious Industrial Carbon Management for the EU. COM(2024) 62, Brussels. Available at: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=COM:2024:62:FIN)
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