Frauen gründen anders

Europäisches Projekt „ProWomEn“ präsentierte Beispiele erfolgreicher Förderinstrumente für Existenzgründerinnen in Europa

Existenzgründerinnen unterscheiden sich vielfach von ihren männlichen Kollegen. Diesen unterschiedlichen Herangehensweisen und Bedürfnissen von Frauen und Männern müssen wir Rechnung tragen, so die Ergebnisse der zweijährigen Studie des Steinbeis-Europa-Zentrums mit Namen ProWomEn (Promotion of Women Entrepreneurship - Unterstützung von Existenzgründerinnen).

Von 11/2001 - 11/2003 befasste sich das europäische Netzwerk „ProWomEn - Promotion of Women Entrepreneurship“ mit der Gründungsförderung für Frauen. Das Projekt wurde vom Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg, ifex und dem Steinbeis-Europa-Zentrum betreut. Ziel war es, „Good Practices“ der Unterstützung und Förderung zu identifizieren und diese für alle Regionen nutzbar zu machen. Die Europäische Kommission förderte das Netzwerk mit 480.000 Euro. In 16 europäischen Regionen wurden wirtschafts- und strukturpolitische Handlungsfelder identifiziert. Die Mitglieder des Netzwerks stärkten den Erfahrungsaustausch bezüglich Frauen spezifischer Gründungsförderung.
Ein eigens entwickeltes Verfahren diente der Ermittlung von Erfolgsfaktoren für Maßnahmen der Gründerinnenförderung sowie der Identifikation von „Good Practice“-Beispielen in den Regionen. Die Mitglieder von ProWomEn diskutierten vier Fragestellungen:

  • Problembewusstsein
    Fehlende Rollenvorbilder, Schwierigkeiten bei der Vereinbarung von Familie und Beruf oder wirtschaftliche Probleme in traditionellen Branchen tragen dazu bei, dass Frauen sich erst gar nicht selbständig machen. Diejenigen, die den Schritt wagen, werden oft mit neuen Problemen in Form von fehlenden Netzwerken, männlich dominierten Fördereinrichtungen oder auch echter Diskriminierung konfrontiert. Langfristig erfolgreiche Lösungsansätze müssen bei der Erziehung und Bildung ansetzen, mittelfristig kann die Information und Schulung von Multiplikatoren hilfreich sein.
    Vorbilder, die ein realistisches Unternehmerinnenbild zeigen, machen Frauen Mut, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Eine Kampagne von Informationstagen (Baden-Württemberg), Wettbewerbe (Irland und Polen) oder eine Wanderausstellung über schwedische Unternehmrinnen liefern gute Beispiele, wie weibliches Unternehmertum mit all seinen Ausprägungen sichtbar gemacht werden kann.
  • Unterstützungsprogramme
    Erfolgreiche Unterstützungsprogramme müssen langfristig helfen. Gezielte Öffentlichkeitsarbeit, Projekte in Schulen oder Kompetenzzentren zur Existenzgründung von Frauen können hierzu beitragen. Frauen benötigen aber auch konkrete Hilfe bei der Umsetzung ihrer Gründungsprojekte, bei der Finanzierung ihrer Vorhaben und dem Zugang zu Netzwerken.
  • Regionale Netzwerke
    Frauen haben im Gegensatz zu Männern Hemmungen, Netzwerke ganz gezielt zum Nutzen ihres Unternehmens einzusetzen. Erfolgreiche Netzwerke bedürfen einer klar definierten Zielsetzung, Zielgruppe und Organisationsstruktur. Um Frauen zu ermutigen, sich Netzwerken anzuschließen und die dort geknüpften Kontakte gezielt zu nutzen, müssen diese unterstützt und sichtbar gemacht werden.
  • Bildung und Qualifizierung
    Es herrscht Einigkeit, dass Bildung zum Unternehmertum ein langfristiges Ziel sein sollte und möglichst früh im Bildungsprozess ansetzen muss. Schülerfirmen und Planspiele tragen dazu bei, unternehmerisches Denken und Handeln zu trainieren, fördern die Persönlichkeitsentwicklung und helfen geschlechtsspezifische Probleme zu reduzieren.

In Baden-Württemberg sind derzeit etwa 134.000 Unternehmerinnen tätig, das sind rund 27% aller Selbständigen. Damit stieg die Zahl der Unternehmerinnen seit 1993 um 23,7%, die der männlichen Selbstständigen nur um 6,4%. Die Zahl der selbständigen Frauen in Baden-Württemberg hat in den letzten zehn Jahren relativ gesehen um 27,3% zugenommen und die Anzahl der Unternehmerinnen hat sich von 108.000 auf 134.000 erhöht. Doch trotz dieses Gründerinnenbooms steigt der Anteil der Selbständigen an allen erwerbstätigen Frauen nur langsam an. Einer Untersuchung des RWI in Essen (Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung) zufolge, haben knapp 16% aller Männer, jedoch nur etwa 7% aller Frauen den Wunsch, sich selbständig zu machen. Auch wenn Frauen insgesamt stark auf dem Vormarsch sind, heißt das also nicht, dass bereits alle Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt wurden.

Frauen trauen sich seltener eine Existenzgründung zu als Männer und wenn sie gründen, dann gründen sie in typischen frauenspezifischen Bereichen. Wettbewerbe, die Verleihung von Preisen wie z. B. die Preisverleihung zur „Unternehmerin des Jahres“ der Firma Avon in Polen bewirken das Bekanntwerden von Beispielen und Vorbildern erfolgreicher Unternehmerinnen in den Medien.
Weitere erfolgreiche Modelle sehen die Teilnehmer von ProWomEn im Bereich regionaler Netzwerke. Großbritannien, Spanien und Nordrhein Westfalen liefern hierzu erfolgreiche Modelle. Die Expertinnen sehen hier Handlungsbedarf, da Frauen im Vergleich zu den männlichen Konkurrenten zögern, sich ihre persönlichen Kontakte für die Berufsplanung zu Nutze zu machen.

ProWomen analysierte insgesamt rund 80 „Gute Beispiele“, 21 sind ausführlich im Tagungsband des Kongresses dokumentiert. Ergebnisse der Netzwerkarbeit, Good Practice Beispiele und Fallstudien wurden auf einer Konferenz mit rund 220 Teilnehmern am 17. und 18. September 2003 in Stuttgart präsentiert.

Portrait Petra Püchner
Dr.-Ing. Petra Püchner
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